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“Where u from?” Lernen beginnt mit einer störenden Frage, nicht mit der klaren Antwort…

Posted by on August 31, 2012

Ich bin gut in Tel Aviv angekommen.

Die Einreise war, anders als erwartet, ganz locker.

Da ich keinen Israelischen Stempel in meinem Pass wollte, und ich viele Visa aus diversen Staaten dieser Erde (oder trefflich österreichisch ausgedrückt “Wilden Ländern”) habe, dachte ich, die Immigration wird mir viele Fragen stellen und misstrauisch sein.

Dem war nicht so und bin gelassen eingereist und habe den Stempel auf ein extra Papier bekommen.

Ich habe am Flughafen probiert öffentlich in die Stadt zu kommen (das spart 3 Nächte, da Taxis vom Flughafen überall auf dieser Welt Abzocke sind, bzw. die genormten Preise schon überteuert sind:).

Da ich an einem Freitag um 16.00 Uhr ankam, fahren leider keine Öffis mehr in Israel, da der Sabbath beginnt. Samstag ist hier “Sonntag” und wird tendenziell ernster genommen als bei uns.

Somit habe ich Ausschau nach anderen Backpakern gehalten um ein Taxi zu splitten. Ich habe drei Holländerinnen getroffen und wir sind nach Jaffa (arabischer Stadtteil von Tel Aviv) gefahren, wo sie ein Hostel kannten.

Im Hostel war kein Platz mehr, daher habe ich durchgeatmet, meinen Laptop geöffnet und das Wifi genutzt.

Dank Facebook und meinem Post “Shalom Tel Aviv” ist Yael, 15 Minuten später im Hostel gestanden.

Ich habe Yael in Indien, in einem Teahouse kennengelernt. Das spannende dabei ist, dass wir in Indien nur 20 Minuten miteinander gesprochen habe , da wir beide auf Busse in unterschiedliche Richtungen warteten.

Scheinbar gibt es Menschen die man ganz kurz trifft aber auf Anhieb sagen kann, man kennt sich ewig. Unser Gespräch in Indien drehte sich hauptsächlich um Training und Sport und, ja natürlich, Reisen…

Yael meinte sofort, ich kann ihre Couch surfen, und ich soll mich nicht um ein Hostel bemühen, da Sie sich freut einen Gast in Israel begrüßen zu dürfen.

Da standen wir: “nichts” voneinander wissend, nicht fassend, dass das letzte Mal, als wir uns sahen auf einem anderen Kontinent war.

Um den Kontrast zur österreichischen Gesellschaft zu verdeutlichen lohnt es sich, eine ganz “normale” Israeli zu beschreiben, mit dem Wissen, das ich jetzt nach 3 Tagen interessiertem Nachfragen und spannenden Gesprächen habe:

Yael hat rot Haare ist ca. 178 groß, sportliche Figur, Frohnatur, Mitte 30ig. Eine  Frauen die etwas kumpelhaftes an sich hat und sich nix scheißt;)

Ihr Vater kam mit dem ersten Schiff nach Ende des 2 WK nach Israel, als die Engländer den Israelis Land versprochen haben, und ist Holocaust Überlebender aus Polen.

Yael hat 3 Jahre in der Armee als Scharfschützin gedient und ist Leutnant. Sie hat einen MBA, war Clubmanagerin eines Fitnessstudios und arbeitet jetzt für El Al (israelische Fluglinie) im Sicherheitsbereich und kommt dadurch bedingt in der gesamten Weltgeschichte herum.

 “Where u from?”  

Ist noch immer die schwierigste Angelegenheit für mich in Israel.

Die Menschen hier freuen sich wenn Menschen ihr Land besuchen kommen. Besonders wenn Personen mit anderem religiösen Glauben das tun. Durch die Vergangenheit und mediale Berichterstattung wirkt das oft seltsam. Hier und dort.

Die meisten Menschen die nach Israel kommen sind Juden, die in anderen Ländern leben, aber keine israelischen Staatsbürger sind.

Das erklärt auch die unbeschreibliche Gastfreundschaft die mir hier begegnet.

Trotzdem gibt es 2 Länder, bei denen die Frage

“Where u from?”

zu hoher Komplexität in einer darauffolgenden Konversation führen kann. Österreich ist eines davon.

Mit Yaels Freunden sind wir am Freitag essen gegangen und als wir auf das Thema Holocaust zu sprechen kamen, und unter anderem der Satz fiel

“Actually Hitler was from Austria!?”

entstand ein spannendes Gespräch über die Vergangenheitsbewältigung aus Sicht der Opfer und Täter.

Es ging bei Yael´s Freunden, um die Frage:

“Was hätten wir damals gemacht?“

Ich habe es so  wahrgenommen, dass die israelischen „Jugendlichen“ von heute, oft nicht verstehen wie sich ihre Großeltern bei der menschenverachtenden Barbarei der Nazis “einfach so” abschlachten haben lassen können.

Ich habe überlegt und mich schlussendlich ins Gespräch feinsinnig damit eingebracht, dass es bei zumindest manchen Österreichern (alle zu sagen fällt bei 27% FPÖ WählerInnen schwer!!!) auch eine Vergangenheitsbewältigung aus Täter Sicht gibt.

Gespannt lauschten sie meiner bedrückten Stimme, als ich ihnen die Fragen die mich und so manch anderen Österreicher beschäftigen, erzählte. Wäre ich Mitläufer gewesen, bewusster Täter, Widerstandskämpfer…?

Lustiger Weise, haben Yael und ich am Tisch gleichzeitig gemeint wir wären Partisanen gewesen. Interpersonale Gemeinsamkeiten sind oft größer als interkulturelle Unterschiede. Humor, Spaß und Satire machen schwere Themen bearbeitbar!

Die erwähnte Komplexität von Gesprächen dieser Art zeigte sich als ich über die Vergangenheit meiner Großeltern erzählte:

Mein Großvater arbeitete während des Krieges bei der Bahn und war kaisertreu. Meine Intention als Sender war es zu erklären, dass mein Großvater kein Täter war der unmittelbar Juden hinrichtete (und somit nicht jeder Österreicher damals Massenmörder war).

“My grandfather was working for the trainssystem”. So, oder so ähnlich, tätigte ich meine, semantisch unglücklich gewählte, Aussage.

Was beim Empfänger ankam war, das Bild der Züge in Konzentrationslagern á la Ausschwitz.

Nach einem sekundenlangen unbeholfenem (“awkwarden”) Austausch von Blicken, klärte sich die Situation, einerseits durch meine, nicht einfache Beschreibung der Intention der Aussage, andererseits durch das Erklären von Yael´s Freunden wie meine Aussage ankam.

Diese Situation verdeutlicht die Schwierigkeit von menschlicher Kommunikation, aber auch die Chance der Lösung, wenn man im Dialog, mit der respektvollen Grundintention, den anderen Verstehen zu wollen, spricht.

Ich denke, dass Konflikt, aus Angst vor Fremden, purer Unwissenheit und plumper Generalisierung entsteht.

Konflikte, geschürt von Menschen, die sich von ihren eigenen Ängsten leiten lassen, Mainstream Wissen unreflektiert übernehmen und Generalisierungen in starken Gruppen, wie im Wirtshaus oder in Medien, solang wiederholen, bis sie diese selbst glauben.

Bei Reisen durch “fremde” Länder veranschaulicht sich dieses Phänomen eindrucksvoll und ich merke, wie schnell ich an meine eigenen Grenzen von Unwissenheit, Angst und Generalisierung stoße.

Genau dieses „Anstoßen“ fordert und fördert Einsicht und Erkenntnis und führt unweigerlich zu Respekt und Toleranz.

Gestern war ich mit Yael, die gerade für den Paris Marathon im April trainiert laufen.

Natürlich habe ich den starken Mann gespielt und bin die 25 Km entlang der Strandpromenade mitgelaufen;) Die angenehmen 20 C mit traumhaften Sonnenschein haben mich die Schmerzen und meinen Trainingsrückstand vergessen lasen;;))

Am 18 Feb werde ich den Halbmarathon am toten Meer mitlaufen.

Das Essen hier ist wie im Paradies. Viele Früchte, viel Gemüse, Humus, , Falafl, alles frisch, Fastfood besteht aus Fruchtshakes und Gemüseplatten mit Humus und Pita. Wenig US-amerikanische Fastfoodketten sichtbar – Traumhaft.

Am Mittwoch geht´s ab zur Wiege des Christentums/Judentums/Islams, nach Jerusalem.

Peace&Love